• Des Hobbits letzte Reise oder… das Ende eines Traums

    Nun ist er also wieder daheim, der Herr Beutlin, zurück im Auenland, in Beutelsend, da, wo ihn der Zauberer Gandalf und die Zwerge vor etlichen Filmstunden „abgeholt“ hatten. Gerade noch erwischt er die “Sympathieträgerin” Lobelia Sackheim-Beutlin dabei, wie sie mit dem Familiensilber abhauen will und begegnet seinem Hausstand, der im Rahmen einer Auktion unter den freundlichen Hobbitnachbarn aufgeteilt wird…… da klopft auch schon, schlappe sechzig oder mehr Jahre später Gandalf wieder an der Tür und spricht die Worte, die wir als Beginn des „Herrn der Ringe“ kennen… und man könnte meinen, der Kreis habe sich geschlossen.

    Die beiden vergangenen Filme der “Hobbit”-Trilogie haben die Fans von Tolkien ja schon mit einem schleimigen Gefühl im Mund zurückgelassen, keine Frage, dass sich seit den Pioniertagen vom “Herrn der Ring”e mit Jackson, Boyens, Walsh und Richard Taylor vom legendären Weta Workshop eine Menge getan hat. Ich stelle mir den Beginn dieses Abenteuers so vor, dass die Zusage, drei “Herr der Ringe” Filme zu finanzieren bei sicherlich mehr als einer Person für gehörige Bauchschmerzen gesorgt hat – schließlich produzierte man „ins Blaue“ hinein. Zu allem Überfluss wollte Jackson die drei Filme nicht brav hintereinander, quasi, nach erfolgreichem ersten Teil den Zweiten etc. drehen, sondern gleich alle drei auf einmal… und damit die ganze Asche auf einen Schlag unters Volk bringen…unwiderruflich sozusagen… ein Umstand, den die Herren und Damen (aber vorwiegend Herren, wir sprechen von Hollywood) überhaupt nicht mögen.

    Es ist für alle gut ausgegangen wie wir wissen und wir wissen auch, dass es an dem kongenialen Schreibertrio Jackson-Walsh-Boyens lag, aber eben auch an Menschen wie Taylor und Hannah, Lee und Howe und wer weiß nicht noch wem, die sich mit Leib und Seele dem Projekt verschrieben hatten, immer den imaginären John Ronald Reuel Tolkien auf der Schulter, der sie zur Höchstleistung und zum respektvollen Umgang mit der Materie und zur Werkstreue mahnte.

    Herausgekommen sind drei Filme, die ich ohne Zögern zum “Patrimoine de l’humanité” zählen würde – ein Umstand, der Professor Tolkien sicherlich gefallen hätte, hat er doch die Geschichte um den „einen“ Ring als einen Volksmythos angelegt und erdacht.

    Dem epochalen Herrn der Ringe vorausgegangen ist das Kinderbuch „Der Hobbit“, der quasi als Zündfunke für das spätere literarische Feuerwerk angesehen werden kann, in dem auf (in der deutschen Version) ca. 300 Seiten schon Ansätze der unfassbar großen, komplexen und genial durchdachten Welt durchschimmern, deren Bildwirkerei Tolkien ein Buch und viele Jahre später entfesselt.

    Und dann erfahren die noch vom Herrn der Ringe atemlosen Fans, dass sich „der Meister“ und sein Team an die Verfilmung eben jenes Zündfunken gemacht haben und sie warten geduldig… oder eher ungeduldig, bis die ersten Informationen durchsickern. Und runzelten die Stirn, denn wieder ist von einem Dreiteiler die Rede, was bei einem Buch von 300 Seiten irgendwie merkwürdig klang.

    Teil eins und zwei des Hobbit haben uns dann auch gelehrt, dass die Zeiten, in denen man sich dem Werk Tolkiens mit Respekt und Vorsicht näherte, ein für alle Mal vorbei sind. Die Herren in Hollywood haben Blut geleckt, haben ihren anfänglichen Mut millionenfach belohnt bekommen und wollen nun mehr, viel mehr, aber ohne dafür wieder so viel Mut aufbringen zu müssen. Und Peter Jackson bediente sie.

    Ich versuche Peter Jackson immer noch zu entschuldigen… weil ich ihm für den Herrn der Ringe so dankbar bin und mir selber einrede, er würde so etwas wie den “Hobbit” niemals aus freiem Willen tun. Phillippa Boyens sicherlich auch nicht. Und erst recht nicht Fran Walsh….. deshalb müssen gierige Filmbosse herhalten, wenn es darum geht, eine Erklärung für das zu finden, was sie mit dem “Hobbit” angestellt haben.

    Sicher. Die drei Teile des “Hobbit” werden kommerziell wieder ein Riesenerfolg werden, da bin ich mir sicher. Millionen von Menschen werden in die Kinos strömen und dem kleinen Bilbo aka John Watson aka Martin Freeman zusehen, wie er mit den Zwergen durch die grandiosen Landschaften von Mittelerde stapft. Dabei werden sie die perfekte Arbeit der Maskenbildner, aber vor allem die noch perfektere Arbeit von Weta Digital Workshop sehen, die diesen Film trotz der Anwesenheit von so etwas Störendem wie Schauspielern und (zuweilen) Kulissen gemacht haben.

    Die meisten Menschen, so wage ich jetzt mal zu behaupten, die diese Filme sehen, haben den “kleinen Hobbit” nicht gelesen und wenn in ein paar Jahren die Frage aufkommt, worum es denn im ersten Buch von Tolkien geht, werden nicht wenige sagen: „Das ist doch die Geschichte mit den Zwergen, dem Gold, dem Drachen und da, wo die Elbin und der Zwerg sich verlieben und da wo die Galadriel oder so und der Zauberer kämpfen…“

    Und dann wird aus einem Buch, in dem die Beziehungen zwischen den in ihm vorkommenden Völkern mit größter Sorgfalt und Delikatesse ausgearbeitet wurden, eine plakativ hineingeschmierte Liebesgeschichte à la Romeo und Julia für Lesefaule… Und die wahre Gestalt von Galadriel verschwindet hinter der Figur einer Elbenamazone, die ich bereits im Herrn der Ringe als so störend empfunden, aber ertragen habe, weil sie nur Bruchteile von Sekunden zu sehen war. Scheinbar hat sich irgendwer Wichtiges in diese Figur verliebt, weshalb sie plötzlich einen Auftritt erhält, von dem weder Tolkien, noch seine Erben je ahnten, dass es ihn geben würde.

    Nun also der dritte und letzte Teil dieser „Adaption“. Ich habe mich mit dieser Popcornschlacht halbwegs versöhnt, weil ich mir immer wieder klarzumachen versuche, dass es hier nicht mehr um Tolkien, sondern nur noch um blanke Unterhaltung und Geldverdienen geht – aber so ganz ohne Sodbrennen ist das trotzdem nicht gelungen. Ich liebe die Arbeit von Tolkien zu sehr um zu verzeihen, was man in seinem Namen so alles anstellt. Allerdings ist die Filmreihe nun zu Ende, was bedeutet, derlei Schmerzen werde ich wohl nicht mehr haben, denn das „Silmarillion“ halte ich wahrlich für unverfilmbar… wir dürften also auf der sicheren Seite sein.

    Wenn man sich also den Film als das anschaut, was er ist, nämlich perfekt gemachtes Unterhaltungskino (inklusive Popcorn und Taco Chips mit Salsa) und das nötige Sitzfleisch aufbringt, um sich drei Stunden in einem unbequemen Kinosessel aufzuhalten, dann ist er nicht nur gut gelungen, er ist sicherlich ein Meilenstein, alleine was die technischen Aspekte angeht… das 48-Frame-per-Second Drehen führt zu einem völlig neuen Seherlebnis.

    Mein persönlicher Favorit aller drei Teile ist im Übrigen das Reittier von König Thranduil, dem Papa von Legolas, jaaaa, der Legolas, der Stunts machen kann, dass einem die Haare nach hinten fliegen und wo sogar das zuweilen etwas tumbe Kinopublikum laut auflachte, weil sie im dritten Teil des “Hobbit” so lächerlich übertrieben waren. Also dieser Elch ist große klasse, als Weihnachtsdeko würde ich mir den augenblicklich in den Garten stellen und bei seinem Anblick kommen mir sofort folgende Worte in den Sinn: „Ik sehe watt, watt Du nich siehst, und datt is grün“  „Boom“.  Insider wissen, wovon ich spreche.

    Und dann ist es vorbei. Der Herr Beutlin steht in seiner Hobbithöhle, da, wo ich noch vor wenigen Wochen selber stand und ich hoffe, dass die Filmbosse von Hollywood ihn nun in Frieden ruhen lassen. Und entgegen meiner eigentlichen Wünsche, mehr und immer mehr von Tolkiens wunderbarer, grausamer, verzauberter, großartiger Welt sehen zu wollen habe ich eingesehen, dass man die Finger vom Werk des Professors lieber lassen sollte. Der Zauber ist verflogen, er wird nicht wiederkommen. Lassen wir es also gut sein.

    „In a hole in the ground, there lived a Hobbit…“





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Sonntag, 14. Dezember 2014 um 12:42 in der Kategorie Allgemein. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
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