• The road goes ever on and on…

    Der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Abschieds vom Vagabundendasein. Ein letztes Mal einfach am Straßenrand anhalten, weil die Aussicht so grandios ist, ein letztes Mal einfach den Motor ausschalten und das Gas aufdrehen, um einen Chai zu kochen. Später am Tag werden wir das Unmögliche versuchen: all das, was wir mitgebracht haben PLUS den Dingen, die hinzugekommen sind, in unsere Taschen verstauen. Ich wage gar nicht daran zu denken.

    Erst einmal jedoch zieht es uns hinaus auf die Straße, dieses Mal trägt sie den schmuckvollen Namen „25“ und führt an der Westseite der Coromandel-Halbinsel entlang. Und wenn ich sage: An der Westseite „entlang“, dann bedeutet das, dass sie zuweilen so nahe am Meer liegt, dass ich nur die Hand auszustrecken brauche, um mir einen Schluck Salzwasser zu genehmigen. Die Aussichten sind furios, die Kurven eng. Sehr eng. Gut, dass ich mittlerweile kein Problem mehr damit habe, links zu schalten, also merken: Coromandel frühestens nach einer Woche anfahren, wenn man sich an die Schaltung und die Tatsache gewöhnt hat, dass man ein riesiges Schneckenhaus mit sich herumträgt.

    Aus Coromandel-Town hinaus fahren wir Richtung Thames, das sich als langgezogenes Städtchen mit etlichen Geschäften entpuppt. Ich finde immer noch bemerkenswert, dass eine Gegend, die einerseits landschaftlich extrem reizvoll ist und hohen Freizeitwert hat (wie man so touristendeutsch sagt) und andererseits ganz klar im Einzugsbereich von Aucklands 1,4 Millionen Einwohnern liegt, so wenig touristisch erschlossen ist. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie es hier aussehen würde, wenn diese Orte irgendwo in Europa lägen. Keinen Fuß bekäme man hier vermutlich auf den Boden, man denke nur an Italien und Spanien, was der Touristen-Tsunami und die Gier der Einheimischen angerichtet haben. Das scheint den Kiwis (bislang) noch vollkommen abzugehen. Entweder liegt es daran, dass sie sich so am Ende der Welt einfach sicher fühlen, oder es liegt daran, dass sie mächtig viel Natur und relativ wenig Menschen haben.

    In Thames haben wir an einer ehemaligen Goldmine angehalten. Das gute Stück wird liebevoll von einigen Männern ehrenamtlich restauriert, etwas unkonventionell liegen verrostete Zahnräder und anderer Eisenkrempel herum, im Gebäude des Brechwerks wird an allen Ecken und Kanten gebastelt. So „richtig“ ist das Touristen-Event also noch nicht am Start, um so herzlicher wurden wir vom „Wachhabenden“ begrüßt… der uns eine persönliche Führung durch das Bergwerk angedeihen lies. Sehr interessant und sehr traurig, wenn man bedenkt, was es mit dem „Goldrausch“ in Neuseeland auf sich hatte. Wie überall auf der Welt geschah nämlich das, was eben geschieht, wenn in kurzer Zeit irgendwo viel Geld gewonnen wird: Niemand scherte sich darum, was man anrichtet, wenn man alle Kaori-Bäume im Umkreis von vielen, vielen Kilometern fällt und das bei der Goldgewinnung verwendete Quecksilber einfach ins Meer leitet. Das Resultat war eine Bucht, an der keine Bäume mehr standen und deren einst glasklares Wasser sich in eine brackige, tot Brühe verwandelt hatte. „Es wird noch tausend Jahre dauern, bis diese Schäden behoben sind,“ meinte unser Guide, „aber sie wussten es nicht besser“.

    Inzwischen wissen sie es deutlich besser. Seit wir die Coromandel-Halbinsel bereisen, fallen uns immer wieder Schilder am Straßenrand auf, auf denen „No Mining“ steht. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen, denn wir wähnten das Thema Goldsuche hier für beendet. Ist es aber wohl nicht. Angesichts des nach wie vor stabil hohen Goldpreises denkt man wohl mehr als laut darüber nach, die Minen wieder zu eröffnen, aber das wird mit der hiesigen Bevölkerung nicht gehen. Alleine die Vereinigung der Muschel- und Austernfarmer steht schon auf den Barrikaden, für sie geht es um alles oder nicht, wenn noch einmal Quecksilber in die Bucht geleitet wird, sind sie am Ende…

    Also ist auch in Neuseeland nicht alles so gut, wie man es sich wünschen würde, aber wie es scheint, sind die Bewohner, auch wenn sie zum Teil wirklich sehr weit auseinander wohnen, durchaus in der Lage sich zusammenzuschließen und zu protestieren.

    Alles in allem ein sehr interessanter Einblick in die Geschichte des Goldrausches von Neuseeland, dann aber ging es weiter auf der romantisch-verschlungenen Küstenstraße Richtung Orere Point, wo wir unsere letzte Nacht im Camper verbringen.

    Na ja, so der Burner ist es wahrlich nicht hier, aber egal, wir sind ohnehin alle schlecht gelaunt. Maren und Michael sind eingetroffen, sie haben eine 14 Kilometer-Wanderung durch einen Kaori-Wald gemacht und sind ganz verzaubert, als sie auf dem Campingplatz eintreffen. Die Verzauberung hält leider nicht allzu lange an, als sie sehen, dass vor dem gemeinsamen „Resteessen“ noch der Tagesordnungspunkt: „Einpacken“ steht. Während Peter hinter mir leise murmelnd vor seiner Tasche steht und ein Teil nach dem anderen hineinpresst, habe ich diesen Punkt schon erledigt und kann mitteilen, dass alles drin ist, ob ich die Tasche auch aufgeben kann ist fraglich, weil ich fürchte, sie hat, genau wie ihre Trägerin, an Gewicht zugelegt…

    Der nächste Morgen verläuft ziemlich verkatert, wir kochen gerade noch eine Tasse Chai, dann geht es auch schon los, den Brauchwassertank ausleeren, neues Wasser in den Frischwassertank füllen und ab auf die Straße Richtung Auckland, das noch ca 60 Kilometer entfernt ist. Wir brauchen etwas mehr als anderthalb Stunden, also „guter neuseeländischer Durchschnitt“. Molly nimmt den Camper in Empfang, keine Beanstandung, keine Beschwerden.  Und dann stehen wir mit unseren Gepäckbergen am Flughafen. Was wir am Tag vorher schon herausgefunden haben ist, dass man sein „Luggage“ am Flughafen abgeben kann, was wir tunlichst machen, denn mit diesem Kram kann ja kein Mensch unterwegs sein – ausgeschlossen, dass wir ne Taxe bekommen, das Zeug verlangt nach einem Schwertransporter, drunter machen wir es nicht…

    Gepäck weg, Hotel haben wir nicht. Als wir ankamen, hat uns der Teufel geritten. In der Abholstation von Molly gibt es unglaublich viel Infomaterial. Prima, wenn man übernächtigt und ahnungslos ankommt, dann packt man sich einfach alles, wovon man glaubt, dass es hilfreich sein könnte und liest es, sobald man wieder aus den Augen gucken kann. Bei diesen Informationen war auch eine über Waiheke, eine Insel gleich vor Auckland, auf der man laut den Bildern in traumhafter Atmosphäre den Urlaub ausklingen lassen könne (schöne Menschen mit Weingläsern in tropischem Sonnenuntergang, wir verstehen uns, gell?). Kurz entschlossen stornierten wir unser bereits von zu Hause gebuchtes Hotel in Auckland und beschlossen, uns dort einzunisten.

    Irgendwie trat die Notwendigkeit, auf Waiheke ein Quartier zu machen, angesichts der Wunder auf der Nordinsel ein wenig in den Hintergrund, als wir dann vorgestern bemerkten, dass wir noch keine Unterkunft hatten, zeigte sich zudem das Wetter so überhaupt nicht tropisch, dass wir beschlossen (jaja, ich hör es schon „facepalmen), die Nacht doch in Auckland zu verbringen. Status also: Gepäck am Flughafen untergestellt, Hotel keines.

    Der freundlichen Inder am Informationsschalter war bereit zu helfen, wie ich ohnehin bemerken will, dass es wohl kaum einen freundlicheren, hilfsbereiteren Infoschalter in einem Flughafen als den in Auckland gibt. Ich war schon ungemein schlechtgewissig, dass der arme Mann für uns ein Hotel suchen sollte, dann bekam ich mit, wie die Dame neben mir ihren gesamten Aufenthalt in Neuseeland organisiert bekam. Angefangen von Matamata über Rotorua, bis hin zu Wellington, alles inklusive, mit Hotel, Ausflügen und so weiter. Das Mädel am Schalter entpuppte sich als so leidensbereit, dass ich jetzt noch in meinem Kotau verharre, sobald ich an sie denke.

    Die Dame, die sich da „mal grade“ die ganze Reise planen lies, war Chinesin – und damit sind wir beim einzig leidigen Thema der Reise. Chinesen. Ich bin ja vorsichtig damit, ein Volk auf Grund meiner Erfahrungen mit einzelnen Menschen global zu verurteilen, aber ganz ehrlich, die gehen gar nicht. Auch auf die Gefahr hin, dass Fionna jetzt die große „das kannst Du nicht machen!“-Keule auspackt, ich kann, und wie. Ob es Michael war, der ja nun wirklich zu allen nett und freundlich ist, oder nun eben ich, die ich ohnehin schon meine Vorbehalte habe – sie spucken überall hin, sie drängeln gnadenlos, sie sind nicht freundlich, im Gegenteil, bei ihnen herrscht ständig der Kampf, irgendwo als erster sein zu wollen. Möglicherweise liegt das daran, dass es so viele von ihnen gibt und sie es gewohnt sind, um alles kämpfen zu müssen,  sich in die bessere Position bringen zu  müssen, auf jeden Fall haben wir sie als sehr aggressiv und äußerst unsympathisch erlebt. Basta. Und jetzt holt von mir aus die Rassistenkeule raus, ich mag sie trotzdem nicht.

    Dem indischen Inder am Flughafen gelang es jedenfalls nach längerem telefonieren, ein Zimmer für uns zu organisieren, und das auch noch mitten im Zentrum. Das Wetter präsentierte sich nicht gerade von seiner besten Seite, ziemlich starker Wind und Regen. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Erkundungsgang in die Stadt, aber egal, wir haben nur diesen einen Tag, und Regenklamotten haben wir auch. Also los.

    Das Hotel ist wirklich mitten in der Stadt, die Econo-Lodge besticht durch ihren Preis (159 Dollar für ein Doppelzimmer is a bargain, sag ich mal…), und mit der Leistung, unglaublich viele Zimmer auf ungeheuer wenig Raum untergebracht zu haben. Das bedeutet, dass den Doppelzimmergästen inklusive Bad die Fläche von geschätzten 6 Quadratmetern zur Verfügung steht. Wir drehten uns also in diesem Schuhkarton hin und her und dankten uns noch mal im Geiste, dass wir die Taschen am Flughafen abgeworfen hatten. Gemeinsam mit ihnen hätten wir das Zimmer nicht bewohnen können, das war schon mit zwei ausgewachsenen Menschen und zwei Rucksäcken kaum zu bewältigen. Aber! Aber das Hotel liegt um die Ecke vom Skytower, sozusagen „in se hart off se zitty“ und da darf man meines Erachtens nicht wählerisch sein, es sei denn, man verfügt über unbegrenzte Mittel.

    Das Wetter hat sich noch mal ein wenig verschlechtert, als wir im Skytower ankommen, herrschen Wingeschwindigkeiten von mehr als 70 Stundenkilometer. Der Skytower hat eine erstaunlich kleine Grundfläche, betreten wird er durch ein Nebengebäude, in dem die Fahrstühle enden. Rund um den Einstieg in die Fahrstühle sind ein Souvenirshop und ein Anbieter von Sky-Jumps angeordnet, will heißen, wenn man möchte, kann man mehr tun, als nur oben zu stehen und runterzuschauen – man kann auch runterspringen. Der Kiwi springt überall runter, so ist er halt. Und wenn er darf, dann lässt er andere auch. Kiwilogisch.

    Durch die Aufzugschächte brüllte der Wind, im Shop hörte es sich so an, als sei ein Monster im Schacht gefangen, dass nun um seine Freiheit weint. Als wir oben ankamen stellte ich binnen zwei Minuten fest, dass die 28 Dollar bei mir rausgeschmissenes Geld gewesen waren. Ich wurde augenblicklich dergestalt seekrank, dass ich fluchtartig die Aussichtsplattform verlassen musste. Grund? 1,5 Meter. Um diesen Betrag schwankt der Turm, vor allem oben, wenn der Wind stark genug ist. Auch wenn der Turm für Windgeschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern gebaut ist, das möchte ich nun wirklich nicht erleben. Bereits bei 70 Kilometern funktioniert der Aufzug nicht mehr einwandfrei und das Außendeck ist zum Teil gesperrt, also denke ich, die 200 sind rein akademisch. Für mich ohnehin vollkommen egal, mir war das Schwanken des Turmes so arg, dass ich die Viertelstunde, die ich auf die anderen warten musste, nicht ausreichten, um das flaue Gefühl im Magen wieder loszuwerden. Das hielt noch eine ganze Zeit lang an.

    Trotz des Wetters bemühten wir uns, zumindest die Innenstadt und den Hafen ein wenig zu erkunden, in letzterem liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff, ein faszinierendes Hotel auf dem Wasser, das war schon beeindruckend. Ansonsten sind wir mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen durch die Straßen – Maren und Michael wollten noch mal zum Segelboot des American Cup und wir erkundeten die Stadt. Dabei stellte sich heraus, dass sich meine Kreditkarte verabschiedet hat – ich denke, es ist Zeit, dass wir wieder nach Hause fahren.

    Eines sollte ich unbedingt noch erwähnen: Sollte jemals einer von Euch in Auckland sein, genehmigt Euch einen Burger im „Shakespeare“. Dort ließen wir den gestrigen Tag ausklingen (*räusper* um sieben Uhr waren wir schon im Hotel, wir sind sehr, sehr müde…) und bestellten einen der dort angebotenen Burger. Was da für 20 Dollar (ca 12 Euro) auf den Tisch kam, ist unglaublich – unglaublich lecker und unglaublich groß! Also besser einen Burger für zwei Menschen bestellen, glaubt mir, dabei kommt niemand zu kurz. Das letzte Ginger-Beer getrunken, ins Bett gefallen, bis heute früh um sieben Uhr geschlafen.

    Jetzt sitze ich in der Lobby unseres großartigen Hotels und warte auf die anderen, habe mich bereits in meine „Flugstrümpfe“ gezwängt und schreibe diese letzten Zeilen Neuseeland, bevor ich den Rechner für den Flug schlafen lege… Zwei wunderbare Wochen, viel zu kurz, aber jede Sekunde wert.

    Kia Ora, Aotearoa, wir kommen wieder!





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Samstag, 15. November 2014 um 22:03 in der Kategorie Allgemein. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
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