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    Veröffentlicht am Donnerstag, 13. November 2014

    von Jutta Schützdeller

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    Concerning Kiwis….

    Und damit meine ich nicht den flugunfähigen Vogel, der hier allgegenwärtig und doch vollkommen unsichtbar ist…

    Und von dem der beste Ehemann von allen behauptet, es handele sich lediglich um einen Marketing-Gag der neuseeländischen Tourismusbehörde, denn in Wirklichkeit gebe es einen Vogel wie den Kiwi überhaupt nicht.

    Nein, ich meine „die“ Kiwis, also die Neuseeländer, die eingewanderten, zugereisten, schon immer hier gewesenen, halt die Menschen. Über sie habe ich noch gar nicht gesprochen, und das, so finde ich, sollte ich dringend nachholen. In den vergangenen anderthalb Wochen haben wir so viele nette Kiwis getroffen, überall begegnet man uns mit ausgesuchter Freundlichkeit und Höflichkeit, es ist nahezu gespenstisch. Man könnte ja behaupten, das sei so, weil ein Land wie Neuseeland ja irgendwie vom Tourismus lebt, aber damit würde man es sich wirklich zu einfach machen. Neuseeland ist, auch wenn es so weit von uns entfernt ist, dass man sich darunter fast nichts vorstellen kann, ein Land wie jedes andere im Weltenbund auch, es produziert, vertreibt, ernährt seine Menschen, bildet und regiert, halt was man als Nation so macht… Wenn Europäer und Amerikaner nun der Ansicht sind, ein Land, so weit entfernt, sei „total exotisch“ und müsse alleine deshalb schon besucht werden, ändert das an den Aufgaben einer Nation nichts… und es zwingt vor allem die Kassiererin im Supermarkt überhaupt sowas von gar nicht, ein Lächeln aufzusetzen… aber sie tut es trotzdem. Die Menschen, denen wir begegnet sind, sind freundlich und hilfsbereit, sie sind verschroben, ja, das stimmt, aber ich glaube, das liegt an ihrem britischen Erbe…

    Wie der Typ, der mit seinem Auto fuhr und den Hund auf der Ladefläche stehen hatte, beim Vorbeifahren erkannten wir, dass unter den Unmengen an Bart und Kopfhaar ein ganz junger Mann in Farmerkleidung stecken muss… oder die Tatsache, dass viele Kiwis, weil ja jetzt der Sommer beginnt, einfach ihre Schuhe ausziehen. Auch wenn es draußen regnet und gerade mal 14 Grad sind, schließlich ist Sommer, da geht man ohne Schuhe, oder?

    Die Neuseeländer gehen zu Weihnachten auf die Rennbahn, veranstalten Rasenmäherrennen (was vor allem dem besten Ehemann von allen sowas von unglaublich gut gefällt, dass es sich die Kiwis mit ihm eigentlich überhaupt nicht mehr verderben können) und ersaufen gerade in Avocados und Orangen, also postieren sie sie in Plastikbeuteln verpackt an den Straßenrand, stellen ein Schild daneben, wo draufsteht wie viel so eine Tüte kostet und vertrauen darauf, dass der, der sich eine dieser Tüten nimmt, den gewünschten Preis bezahlt… was augenscheinlich geschieht, sonst würde es niemand mehr tun… Oder wer etwas hat, was ihm nicht mehr gefällt, der stellt es einfach an die Straße und hängt ein Schild dran, auf dem „free“ steht… und wo wir bei free sind, selten eine so gute Abdeckung mit free wifi gehabt wie hier, und das zum Teil an Stellen, wo noch nicht mal die Sonne hinkommt ;-) So sind se, die Kiwis… ziemlich weit weg vom european way of life… und darum um so sympathischer…

    Der neuseeländische Frühsommer hat uns seit vorgestern Abend im Griff, will heißen, das Wetter ist ungefähr so vorhersehbar wie eine Naturkatastrophe… und es fühlt sich zuweilen auch so an. Wer sich fragt, woher die allgegenwärtige, alles dominierende Natur in diesem Land ihre Kraft nimmt, der soll sich mal in einem „Schauer“ nach draußen stellen, was da an Wasser aus dem Himmel gefallen kommt, geht gut und gerne als tropischer Regensturm durch, komprimiert auf weniger Minuten stürzen Wassermassen vom Himmel, das einzig „nicht-tropische“ derzeit sind die Temperaturen – sowohl die Außen, als auch die Wassertemperaturen. Starkregen bei 15 Grad ist nur mäßig spaßig, der Wind, der sich dazugesellt, macht das Autofahren nicht gerade zu einer leichten Übung, vor allem, wenn man mit einem Fahrzeug unterwegs ist, das eine Segelfläche wie das unseres Campers anbietet. Dabei haben wir noch Glück, immer wieder werden wir gefragt, ob wir den „hail“ gehabt hätten, also Hagel, was uns sagt, dass es im Prinzip noch Schlimmer kommen könnte…

    Wir „segelten“ also gestern zunächst in Rotorua herum und gönnten uns noch eine Portion Schwefeldämpfe, Maorikultur und ein weiteres Haka (ich liebe das, ich könnte da stundenlang zusehen!) Anschließend machten wir uns auf den Weg nach Norden, so langsam wollen/müssen wir uns wieder in Richtung Auckland bewegen, denn am Samstagvormittag werden wir unseren Camper abgeben. Bis dahin liegen aber noch zwei Tage vor uns, und die wollen wir auf der Coromandel-Halbinsel verbringen, die mit ihrer Lieblichkeit und vielen Sehenswürdigkeiten lockt…

    Und so schaukelten wir, getrieben von Wind und Regen, über kleine und kleinste Sträßchen, kurvten uns Berge hinauf und hinab, wurden dafür mit atemberaubenden Aussichten belohnt und kämpften uns drei Stunden lang auf die Halbinsel, hin zum „Hot Water Beach“, wo man bei Ebbe in warmen Pools direkt am Strand sitzen kann, so sagt man… Wenn das Wasser des Meeres zurückgeht, steigt aus dem Boden (vulkanisch, selbstredend), warmes Wasser auf. Buddelt man nun eine Kuhle in den Sand, dann füllt sich diese augenblicklich mit dem heißen Thermalwasser…

    Schön. Um halb acht abends, als wir am Campingplatz ankamen, war die Rezeption bereits geschlossen, also stellten wir uns einfach irgendwo ab und stopften unsere Stromkabel in eine der Steckdosen… so macht man das hier… bezahlen kann man ja noch später, wie bei den Avocados…

    Das Lamm war schnell gebrutzelt, dann riss es uns auch schon in den Schlaf, es war allerdings kalt, wie wir feststellten, was nichts Gutes für den nächsten Tag verhieß…

    Am heutigen Morgen hatten wir wieder alle Wetter. Was mit einem sonnigen Antritt begann, der einen ungeübten Besucher möglicherweise dazu hätte verleiten können, das Frühstück draußen aufzubauen (Tisch wäre da gewesen, ich frage mich allerdings mittlerweile zu Recht, wie ich finde, warum wir dieses Ding eigentlich seit Beginn über die Insel karren, gebraucht haben wir es noch nicht ein mal), entwickelte sich zu einem Regensturm, der einem binnen Sekunden die Unterhose durchnässen konnte… nicht ohne vorher die darüberliegenden Schichten wegzuspülen.

    Der Blick in unseren Reisführer offenbarte noch ein Problem: Der Hot Water Beach, auf den wir uns gefreut hatten, „funktioniert“ nur bei Ebbe, die wir gerade verpasst hatten… sie wäre um viertel vor sieben gewesen und ausgerechnet heute haben wir alle mal etwas länger (also ich bis fast halb acht) geschlafen. Die nächste Ebbe wird also heute Abend sein, und zu diesem Zeitpunkt sind wir schon weitergezogen… also bleibt es bei einem Besuch in/an der Cathedral Cove. Dort angekommen tut das Wetter so, als könne es kein Wässerchen trüben, die Sonne knallt vom Himmel, dass ich nicht recht weiß, ob ich mich nun entzwiebeln soll oder nicht… Es reichte dann für die Cathedral bei Maren und Michael und bei Peter und mir für eine Tasse Tee in der Sonne, so waren wir alle glücklich….und gerade noch rechtzeitig im Camper, bevor der nächste Schleusengang fällig war. Junge, junge, ich bin immer wieder sprachlos, was da so runterkommt…

    Heute ist Peter mit Fahren dran, ich konnte mich also darauf konzentrieren, die Landschaft zu bestaunen und zu fotografieren. Ich wiederhole mich nur ungern, aber dieses Land….

    Der Weg vom Hot Water Beach in die „Stadt“ Coromandel ist nicht allzu weit, etwa 70 Kilometer, für die man aber aus gutem Grund mehr als anderthalb Stunden braucht. Dachte ich gestern noch, ich hätte die „Bergwertung“ gewonnen, durfte Peter heute Kurvenstrecken fahren, die so traumhaft waren, dass ich fast neidisch geworden wäre… wenn ich nicht wüsste, dass es davon auf dieser Insel mehr gibt, als wir beide je fahren können…

    Durch triefnassen Urwald, der den kleinen Gebirgszug überwuchert, der die Coromandel-Halbinsel in der Mitte durchzieht, eine steile Straße hinter einem Holzlaster hinauf, um dann so steil den Berg wieder hinunter zu fahren, dass man den Eindruck hat, der Camper würde gleich einen Überschlag machen… erwähnte ich übrigens, dass dies eine Bezirksstraße und damit die größte und am besten ausgebaute Straße der Coromandel ist? Großartig. Kiwis halt.

    Coromandel selber ist ein kleines Städtchen, das wohl ursprünglich mal im Zuge des auch in Neuseeland stattgefundenen Goldrauschs entstanden ist. Davon zeugen noch einige Gebäude, die seit dem späten 19ten Jahrhundert hier stehen und irgendwas mit „Mine“, oder „Gold“, oder „Nugget“ im Namen tragen. Nachdem der kurze Goldrausch vorbei war, ist Coromandel wohl in einen Dornröschenschlaf gefallen, aus dem es erst wieder durch den Tourismus erweckt wurde. Jetzt ist es der zentrale Ausgangsort für Hochseeangel-Touren, hier werden Austern und alle anderen möglichen Arten von Muscheln gefangen und angeboten, sogar auf dem Campingplatz gibt es eine Stelle, wo man seine Fische ausnehmen kann, also hier scheint ein Eldorado für Angler zu sein. Das haben wir uns zu Herzen genommen und beschlossen, heute Abend mal wieder die einheimische maritime Fauna zu dezimieren. Während Peter und ich diese Entscheidung zum Anlass genommen haben, erst mal in Ruhe einen Chai zu trinken, sind Maren und Michael zum Laufen aufgebrochen – sie verbrennen gerne mal ein paar Kalorien auf Vorrat.

    Ein bisschen Wehmut macht sich breit – und die Erkenntnis, dass zwei Wochen definitiv zu kurz sind, um ein Land wie dieses gebührend kennen zu lernen. Diese Reise, da sind wir uns sicher, kann also nur eine Art Testlauf sein, aus diesem Grund sammeln wir schon die Namen der Campervan-Anbieter, wann immer uns einer ihrer Camper begegnet.

    Nun sitze ich auf einem Campingplatz der witzigerweise Shelly Beach heißt, fast so wie einer der Plätze, auf dem wir schon einmal übernachtet haben, mein Blick geht durch das Führerhaus hinaus aufs Meer, der Wind schüttelt unseren Camper, die Sonne scheint und um unseren Wagen herum tummeln sich die unvermeidlichen Enten und C64 und Atari. Eine Idylle.

    In diesem Sinne, kia Ora!





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Donnerstag, 13. November 2014 um 06:23 in der Kategorie Allgemein. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
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