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    Veröffentlicht am Dienstag, 11. November 2014

    von Jutta Schützdeller

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    Feuer und Wasser…

    Ausgerüstet mit dem schönsten Ta Moko, das ich mir vorstellen konnte und irgendwie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen (danke Fionna) verließ ich nun also die Wirkungsstätte von Hira, der so nett gewesen war, in diesem Bild die Symbole meines Lebens zu visualisieren. Bevor, oder besser gesagt, während er arbeitete, fragte ich Hira, ob das nicht irgendwie „inappropriate“, also unangemessen wäre, wenn ich ein solches Tattoo trage, worauf er zunächst verwirrt reagierte und dann auf eine Weltkarte wies, die an der Wand hing. „If it was inappropriate, then I have been inappropriate more than thousand times…“ Dann lachte er und ich fragte nochmal, ob es in Ordnung wäre, wenn eine weiße Frau ein solches Zeichen trägt, woraufhin er meinte, das sei vollkommen ok.

    Ein wenig beruhigt war ich wie gesagt, aber Hira verdient Geld mit dem Stechen von Ta Mokos, logisch, dass er da kein Problem sieht…

    By the way, Rotorua stinkt. Und zwar gewaltig. Wer in diese Stadt fährt, der sollte nicht empfindlich sein. Überall steigen auch bei bestem Wetter Dampfwolken auf, wie wir sie von sehr kalten Tagen kennen, wenn es aus den Kanälen dampft. Rotorua „sitzt“ auf einem Supervulkan, vergleichbar mit dem Yellowstone-Park und auch wenn ich aus einer vulkanischen Ecke komme fühlte ich mich angesichts der Kraft, die hier so deutlich zu Tage tritt, mehr als mulmig. Die Menschen hier leben auf diesem  Pulverfass und nutzen die Kräfte der Erde sogar, was sollen sie auch machen, wenn es um Sicherheit ginge, müsste man Neuseeland evakuieren. In den Geschichten der Maori sind die Vulkan lebendig, wenn also Rotorua beschließt, dass er nun lange genug still gelegen hat, dann ist Essig mit den Kiwis… mit oder ohne Federn.

    Maori. Was ich bislang von ihnen gesehen habe, hat ein gemischtes Gefühl bei mir hinterlassen. Ich habe sie in tiefster Armut gesehen, oben im Norden der Insel, und hier in der Mitte erlebe ich sie „in der Mitte“ der Gesellschaft. Sie sind, zumindest soweit ich das deuten kann, Angestellte in Tourist-Infos, kassieren im Supermarkt, in wie weit sie Führungsjobs haben, kann ich natürlich nicht sagen, aber ich denke, dass man sie dort seltener antrifft. Die Maori haben einen großen Teil ihrer kulturellen Identität gezwungenermaßen eingebüßt und es kommt mir so vor, als wäre der Prozess des Wiederentdeckens dieser Identität noch ein langer Weg. Gerade in Rotorua sind die Kräfte des Erdinnern und die Kultur und der Naturglaube der Maori untrennbar miteinander verwoben und so ist es nicht verwunderlich, dass beides gemeinsam präsentiert wird.

    In Whakawerawera (jetzt, nach unzähligen Versuchen, kann ich es endlich flüssig aussprechen) haben die Maori eines ihrer Dörfer für Besucher geöffnet. Es ist ein unwirklicher Ort, denn während im restlichen Rotorua der Schwefeldampf nur an einigen Stellen aus dem Boden kommt, weil er vermutlich im übrigen Teil reguliert und in Leitungen verläuft (denk ich mal so), gruppieren sich die Häuser in Whakawerawera um die einzelnen Öffnungen am Boden herum. Aus den Spalten in der Erde dampft es unablässig, mal öffnet sich ein „Pool“ der mit glasklarem, weil vollkommen unbelebten, mehr als 100° heißem Wasser gefüllt ist, ein Loch weiter blubbert Schlamm vor sich hin, dass man fast Lust bekommt, mitzumatschen.  Ist allerdings nicht zu empfehlen, würde ich sagen. Wenn Wasser über die Felsen läuft, färben die darin enthaltenen Mineralien den Untergrund gelb, weiß und braun, ein Bild, als würde ein Maler seine Palette mit Terpentin reinigen und die Ölfarben würden darüber verlaufen.

    Die Menschen hier haben sich die Kraft des Vulkans zu Nutze gemacht, sie kochen über dem Dampf oder im „kochenden“ Wasser ihre Mahlzeiten, Hangi genannt. Leider waren wir etwas zu spät, ich hätte das gerne mal probiert.

    Bereits beim Kauf der Eintrittskarte stürmten alle Anwesenden Mitarbeiter auf mich zu und umringten meine linke Schulter. Wo ich mein Ta Moko herhätte, wer es gemacht hat, was es bedeute, wollten sie wissen und zeigten mir ihrerseits die TA Mokos, die sie haben, zeigten mir darauf Eltern, Kinder und Geschwister. Ich war zunächst verunsichert, dann habe ich mich sehr gefreut und war stolz.

    Im Dorf ging es weiter, der Mann im Laden, den wir besuchten, der Tänzer der Vorführung, die wir uns angesehen haben, alle wollten das Ta Moko sehen und fanden es schön, zeigten mir ihres und erklärten, was es bedeutet. Nachdem ich aus dem Dorf heraus war, waren meine Zweifel endgültig zerstreut.

    Maren und Michael hatten sich gemeldet und fragten, wie unsere Planung der nächsten Tage aussieht, eigentlich wollten wir uns ja erst am Dienstagabend wieder treffen und nun war Montag. Die Beiden weilten am Lake Taupo, hatten das Tongariro-Crossing absolviert (eine hochalpine Wanderung über mehr als 20 Kilometer, bei der man „mal eben“ fast 2000 Höhenmeter überwindet, genau das Richtige für die Beiden) und nun, am Montag, hatten sie eine Mountainbike-Tour gemacht, schlappe fünf Stunden. Wir wollten ja gemeinsam Raften gehen und offenbar standen sie in Taupo bei einem entsprechenden Anbieter und wollten wissen, wann wir denn nun zu ihnen stoßen würden. Also schmissen wir den Riemen auf die Orgel und brummten die 80 Kilometer nach Lake Taupo. Bitte nicht unterschätzen, 80 Kilometer bedeuten immerhin anderthalb Stunden, wie gesagt, so wirklich schnell geht es mit dem Camper nicht. Apropos Camper, ach, wir sind ja so glücklich. Wir sind hier mit unserer Schrankwand in das Schätzchen eingezogen, jedes Teil hat seinen Platz und auch wenn die Kiste kilometermäßig noch viel, viel älter ist als Methusalema, so ist sie doch deutlich besser in Schuss. Guter Tausch.

    Der Lake Taupo, so weiß ich inzwischen, ist recht groß, 160 Kilometer ein Mal rundherum. Er wird von zahlreichen Flüssen gespeist, die aus dem Tongariro-Nationalpark kommen und im Prinzip Gebirgsflüsse sind. Nicht weiter verwunderlich also, dass der See gerade mal fünf Grad Wassertemperatur hat und wohl auch im Sommer nie mehr als zehn Grad erreicht. Schön. Klar. Saukalt.

    In Taupo ist Neuseeland ein wenig wie im Tessin (nur mit Palmen und Farnen, gell?) der See ruht da so vor der Kulisse der dahinterliegenden Berge vor sich hin und rundherum geschehen Dinge, die auch in den Alpen passieren würden, man sportelt im, am und mit dem Wasser, was das Zeug hält. Hier kann man sich einen Heliflug leisten, Kajak fahren, Speed Boat, Forellenangeln… nur Wasserski-Fahren habe ich nicht gesehen, was mich angesichts der exorbitanten Wassertemperatur nicht wundert… aber wie ich die Kiwis kenne, lassen die sich von so einer kleinen „Inponderabilie“ wie fünf lausigen Grad nicht vom Spaß abhalten…War nur nicht so tolles Wetter grade…

    Stimmt, das war wirklich nicht so toll. Die Nacht war wärmer als die zuvor, das hätte uns schon stutzig machen müssen, beim Frühstück verwandelte sich dann der See und alles drumherum in das „Land der großen grauen Wolke“. Uns machte das nichts aus, schließlich waren wir angetreten, um uns ordentlich nass zu machen!

    „Rafting Newzealand“, so versicherte der Prospekt, ist einer der, wenn nicht der führende Anbieter von Wildwassertouren im Land. Wir hatten uns für die Tour der Stufe 3 entschieden, 2,5 Stunden auf 14 Kilometer durch mächtig viele Stromschnellen. Badeanzug drunter, warme Klamotten drüber, so ging es mit dem Firmenvan an die gegenüberliegende Seite des Sees, wo das Basislager des Unternehmens angesiedelt ist. Dort wartete unser Guide, jede Menge Equipment und Barbara… aber zu ihr später.

    Ich will nicht sagen, dass mir mulmig war, aber ich spürte schon eine gewisse spannungsgeladene Neugierde, ich habe unzählige Fotos vom Wildwasserfahren gesehen, aber vorstellen kann/konnte ich es mir nicht. Außer auf der Lahn habe ich noch niemals ernsthaft ein Paddel in der Hand gehabt, ich bin sicherlich nicht der Trauminsasse eines Rafting-Bootes, aber ich war willens, mich dem Diktat des Guides zu unterwerfen, umso mehr, nachdem er uns ein paar Sicherheitshinweise  „verpasst“ hatte. Zu diesem Zeitpunkt wurde uns allen klar, dass man aus der Schüssel ja rausfallen kann und das dann der Spaß nur noch halb so groß ist, weil wir hier eben NICHT in einem Themenpark sind, sondern alles echt ist… da simmer wieder…

    Neben Boot, fähigen Guides und diversen anderen Dingen versorgte man uns mit entsprechender Kleidung. In unserem Fall bedeutet das: Zwei Fleece-Pullover, ein Niopren-Anzug, ein paar Kniestrümpfe, eine Jacke, ein paar Niopren-Schuhe, eine Schwimmweste und ein Helm. Großes Kino, nach dem Ankleiden dieses Ganzkörper-Kompressionsstrumpfes war ich eigentlich schon so weit, dass ich nahtlos zum Tagesordnungspunkt „heißer Kakao“ hätte übergehen können. Stattdessen verfrachtete man uns erneut in einen Van und fuhr uns samt „Raft“ an die Einstiegsstelle, rund 14 Kilometer Flussaufwärts.

    Ach ja, der Fluss. Ich sollte der Ordnung halber erwähnen, dass es der Tongariro-Fluss ist, welchselbiger dem Nationalpark seinen Namen verliehen hat, den wir uns hinunterstürzen beabsichtigten.

    Unser Boot durften wir denn auch selber zum Einsatzort tragen und für die Mühe wurden wir gleich mal mit einem Gruppenfoto belohnt, das der freundliche Jack, einer der Maori-Guides, von uns machte. „Jack“ war nicht eingeteilt, uns zu begleiten, denn heute hatten wir das Vergnügen, die erste Gruppe zu sein, die Steve alleine führte… nein, nicht alleine, denn sein erfahrener Kumpel saß selbstredend mit ihm Raft.

    Hatte ich erwähnt, dass ich mir nicht so recht vorstellen konnte, wie das mit dem Rafting so funktioniert? Nun, es dauerte nur wenige Minuten, dann wusste ich es. Jeder hat im Raft seinen Platz, uns wurde gezeigt, wie man seine Füße (und damit sich selbst) verankert (zumindest einigemaßen), und die nötigsten Befehle kannten wir nun auch. Ich weiß nicht, irgendwie hatte ich gedacht, man sitzt da nur so drin… aber da hatte ich mich wohl geirrt, da muss man so richtig selbst mit anpacken..

    Steve gab sich alle Mühe, aber wir waren wirklich keine gute Truppe. An unserer Synchronizität müssen wir dringend noch arbeiten, bei Michael hatte ich zwischendurch das Gefühl, er war in einem vollkommen anderen Boot unterwegs und die kleine Barbara aus Österreich ertrank fast im Sitzen, weil sie irgendwie (zumindest zu Beginn) definitiv das meiste Wasser abbekam. Aber wirklich nur zu Beginn. Ich schätze, so nach 15 Sekunden diffundierte das Wasser durch meine Schuhe und Socken, so dass meine Füße die Chance hatten, es auf Körpertemperatur zu bringen, wenig später dann verhalf mir die erste Stromschnelle zu einem nassen Hintern und danach war eigentlich egal.  Mittlerweile regnete es in Strömen, was angesichts der Wassermassen unter unserem tapferen Boot nicht weiter schlimm war, is ja nun wirklich wurscht, von wo man nass wird. Der Regen bescherte uns eine einmalige Kulisse, eine Fahrt wie in einem Traum. Der wilde Fluss, der einen Canyon in die Landschaft gegraben hat, dass man sich zuweilen fühlt, als würde man durch einen Tunnel fahren, die grandiose Vegetation, die sich selbst über steilste Hänge bis ans Wasser herunter vorgekämpft hat, seltene Vögel, armlange Forellen, die in Schwärmen unter dem Raft herziehen, über allem dampfende, tropfende Feuchtigkeit, dazwischen wir, die durch brodelndes Wasser hopsen, paddeln, dann steckenbleiben, wieder loskommen und wie ein Korken über die Wellen tanzen… einfach nur grandios.

    Vergessen, dass sich das Wasser langsam, aber sicher, bis in die Fleece-Pullover vorarbeitet, vergessen, dass ich vor der Hälfte der Tour dringend mal wohin wollte, weil das warme Wasser, welches meine unteren Extremitäten umspülte, mir den Eindruck vermittelte, ich müsse wirklich dringend mal… einfach nur gucken, staunen, aufnehmen, genießen, paddeln.

    Michael und Barbara nutzten die Gelegenheit, von einem vier Meter hohen Felsen ins Wasser zu springen, nun, das brauchte ich nicht wirklich, Maren hat es einmal vom Boot gerissen, als es sehr holprig wurde, aber sie wurde dank unsere „Live-Save-Übung“ schnell wieder an Bord geworfen (was ein Glück, dass ich nicht über Bord gegangen bin, mich hätten sie nicht so leicht über die Bordwand zurück ins Innere geschleudert ;-)

    Wir hatten ja nun die kleine Barbara dabei, ein Wiener Mädel, dessen größter Wunsch es ist, irgendwann mal einen eigenen Bauernhof mit Alm zu haben. Sie arbeitet auf der Südinsel auf einer Farm und melkt dort Kühe… seit Jänner… 1600 Stück. Jetzt hat sie Urlaub und ist seit zwei Wochen auf der Nordinsel unterwegs, um kampfmäßig alles „abzuarbeiten“, was man so auf der Nordinsel halt machen muss, und dazu gehört eben auch Rafting, wie sie meint. Das Crossing wollte sie eigentlich machen, aber da das Wetter so schlecht wurde, habe sie kurzerhand umdisponiert. Jetzt, wo ich hier sitze und schreibe, ist sie wieder unterwegs nach Wellington, wo heute Nacht um ein Uhr ihre Fähre zurück auf die Südinsel geht. Dann arbeitet sie noch zwei Wochen auf der Farm, bevor sie zurück nach Wien fliegt, weil man „Weihnachten zu Hause“ sein muss. Servus Barbara, wir wünschen Dir, dass Du Deinen reichen Bauern findest, der Dich heiratet, damit Du eine Farm bekommst!

    Zurück von diesem großartigen Erlebnis gab es in der Base eine heiße Dusche, frische Klamotten, Getränke und die Bilder unserer Heldentat. Ich hebe hier mal das Superlativen-Verbot auf, weil ohne geht es halt irgendwie nicht mehr…

    Und nun sind wir wieder am Blue Lake, in der Nähe von Rotrua, wo wir heute einen Geysirpark besuchen wollen, bevor wir uns auf den Weg nach Norden machen, in Richtung Coromandel Halbinsel, langsam, aber sicher wieder zurück Richtung Auckland. In wenigen Tagen ist unser Abenteuer vorbei, ich denke jetzt mal nicht über den Flug nach, den hierher habe ich auch geschafft. Das Wetter hat sich verschlechtert, gestern hat es den ganzen Tag geschüttet und auch wenn ich mittlerweile blaue Stellen sehe, prasselt es trotzdem auf unser Dach. Mal schauen, wir hatten die Regenklamotten ja noch nicht wirklich an…

    In diesem Sinne

    Kia Ora!





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Dienstag, 11. November 2014 um 22:35 in der Kategorie Allgemein. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
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