• Tach zusammen,

    Heute mal kein reines kommunalpolitisches Thema, sondern ein paar Gedanken, die mir durch den Kopf gehen.

    Unlängst war ich Teilnehmerin einer Diskussionsrunde, die sich im weitesten Sinne  mit dem Thema “Wirtschaftsethik” befasste. Die Runde war illuster. Ein Management-Coach, der kundentechnisch in der “Bundesliga” spielt, ein Benediktiner-Mönch und mehrere Führungskräfte eines “Global-Players”. Wir stellten uns die Frage, wohin es mit unserer Wirtschaft gehen soll, gehen wird, wenn wir uns ansehen, welche Prioritäten derzeit gesetzt werden.

    Alle waren sich schnell einig, dass wir gerade eine Entwicklung beobachten, die nicht gerade erst ihren Anfang genommen hat, aber möglicherweise bald an ihrem Endpunkt angelangt ist. Die Jagd nach immer mehr Rendite, nach größerem Wachstum, nach mehr Profit wird in der Regel auf dem Rücken von Menschen ausgetragen. Dabei ist es im Prinzip egal, ob es sich um unsere Nachbarn handelt, oder den Textilarbeiter in Pakistan, der bei einem Brand ums Leben kommt, weil es, sicherlich aus Kostengründen, nicht ausreichend Notausgänge in seinem Unternehmen gab.

    Unsere Frage richtete sich auch auf das Warum. Warum gehen Firmenlenker zuweilen Wege, von denen sie in ihrem Inneren wissen, dass sie amoralisch, falsch, ja sogar menschenverachtend sind?

    Natürlich stand das Wort: “Gier” sofort im Raum. Und dann war da aber noch die Frage, woher diese Gier kommt. Und kurz darauf mussten wir feststellen, dass wir Teil dieses Systems sind, denn Gier setzt nicht erst ab einem bestimmten Gehalt, ab einem bestimmten Zeitpunkt ein. Existenznöte versus Gier. Wo hört das Eine auf und wo beginnt das Andere?

    Wir kennen das doch alle. Da haben wir endlich mal eine Gehaltserhöhung bekommen und Glauben, jetzt sei der Zeitpunkt da, um mal “ein wenig zur Seite zu legen, für schlechte Zeiten und so..”, da stellen wir am Ende des Monats beim Blick auf unser Konto fest, dass das zusätzliche Geld einfach nicht mehr da ist. Mehr Geld fühlt sich im Prinzip nicht anders an wie vorher, nur Klagen wir jetzt auf einem etwas höheren Niveau. Dieser Vorgang lässt sich beliebig fortsetzen, bis irgendwann der Bezug zur Realität abhanden kommt.

    Wann ist genug? Ab welchem Betrag “auf der hohen Kante” kann man sich  in Sicherheit fühlen?

    Und ganz wichtig? Aus welchem Grund tritt dieser Zeitpunkt so gut wie nie ein?

    Der Benediktinier an unserem Tisch erklärte uns, wie wenig ein Mönch doch letztlich zum Leben braucht und mit welcher Bescheidenheit, gemessen an der Konsumwut, er und seine Mitbrüder letztlich leben. Im Gegenzug erklärte uns eine Führungskraft, wie sehr er unter Existenzangst leidet, weil er doch seine Familie versorgt wissen will, und zwar nicht nur eben gerade so, sondern “sorgenfrei versorgt”

    Wir entfernten uns zusehends vom raffgierigen Firmenlenker, der seine Untergebenen in Angst und Schrecken versetzt und suchten nach der Ursache, nach dem Beginn dieser fatalen Entwicklung.

    Haben Sie ein Sparbuch? Wie hoch sind die Zinsen, die Sie für Ihre Spareinlage erhalten? Oder haben Sie vielleicht Aktien, Fondspapiere? Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?

    Sicher werden an dieser Stelle die Meisten sagen: “Ich habe mich für eine sichere Anlagemöglichkeit entschieden, eine, bei der ich möglichst wenig, wenn nicht sogar kein Geld verlieren kann.”

    Lag auch mir auf der Zunge. Und dann wurde mir klar, nicht nur der, der diese Frage mit: “Ich suche mir die Anlagemöglichkeit mit der besten Rendite aus” beantwortet, ist Teil des Problems, sondern natürlich auch Sie und ich.

    Die Firmen, deren Papiere wir besitzen (und dabei ist es egal, ob es sich um einen Produzenten oder eine Bank handelt) wirtschaftet, weil wir es von ihr erwarten, immer mit dem Ziel, mehr Umsatz zu machen. Mehr Rendite, mehr Sicherheit, mehr Reserve. Und am Ende des Monats ist das Konto trotzdem leer… Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

    In einer Kreditgesellschaft, wo uns jeden Tag von Saturn &Co. suggeriert wird, wir könnten alles haben, verliert alles sehr schnell an Wert. Wir wollen mehr. Wollen das neue Auto, den LCD-Fernseher, möchten in Urlaub fahren, unser Haus bezahlen… diese Aufzählung lässt sich endlos fortsetzen. Jeder hat etwas, worauf er nicht mehr verzichten möchte, was er unbedingt braucht und wofür er all seine Kraft einsetzt. Um das zu bekommen, werfen wir über Bord, was doch eigentlich mit ein Grund für die Entscheidung für Kauf, Miete oder Ratenzahlung sein sollte.

    Der ethische Wert eines Produktes.

    Bitte jetzt nicht falsch verstehen. Ich will nicht zurück auf meinen Baum, will nicht Strom-und Wasserversorgung abstellen und ganz ehrlich, ich möchte nicht in die Vor-Handy-Zeit zurück, weil doch früher alles besser war (was ja nicht stimmt).

    Ich möchte darauf hinweisen, dass wir uns Gedanken machen über die Dinge, die wir erwerben. Das beginnt mit der Tomate, die wir im Supermarkt erwerben. Wie kann eine Tomate, die 1,09 Euro das Kilo kostet, produziert werden? Auf wessen Kosten, wenn nicht auf meine? Was ist mit dem Schweinefleisch für 2,99Euro das Kilo? Auf wessen Kosten wurde das produziert? Und schließlich der Fernseher für 219 Euro, so einer, den ich immer schon mal wollte…. aber auf wessen Kosten wurde er produziert, wenn nicht auf meine?

    Am Ende nahezu jeder Kette steht ein Firmenlenker, der weiter, höher, schneller sein will, weil wir ihn dazu zwingen. Weil uns der Besitz des Produktes wichtiger ist als seine Herkunft.

    Natürlich ist das nur eine Seite der Medaille. Natürlich gibt es auch Unternehmer, die ausschließlich ihren eigenen Reichtum mehren, denen ein “sorgenfrei versorgt” auch noch nicht ausreicht.

    An Sie geht meine Frage, warum Sie ihre Mitarbeiter nicht so behandeln, wie sie selber behandelt werden wollen. Glauben Sie etwa, die arbeiten dann weniger? Oder schlechter? Es ist zynisch, was manch ein Unternehmer zum Thema Mitarbeiter von sich gibt (die tanzen einem auf dem Kopf rum, wenn man sie lässt… Gib ihnen den kleinen Finger und sie wollen die ganze Hand…) und wie dumm es doch in Wirklichkeit ist weil längst bewiesen ist, dass ein respektvoller, freundlicher Umgang mit den Mitarbeitern die Produktivität erhöht und Krankenstand und Fehlerquote senkt.

    Aber auch darüber können wir nachdenken, also Sie und ich jetzt… Wenn ich weiß, wer mein Produkt baut, anbietet, kann ich entscheiden, ob ich es haben will. Natürlich geht das nicht bei Allem, aber wer aufmerksam ist, wird möglicherweise eine andere Kaufentscheidung treffen. Hat schon ein paar Mal geklappt.

    Schwerer Tobak, nicht wahr? Aber wirklich guter Stoff, finde ich. Lassen Sie ihn sich mal durch den Kopf gehen…

    In diesem Sinne

    Ihre

    Jutta Schützdeller





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Freitag, 14. September 2012 um 14:27 in der Kategorie LARP. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
  • 1 Kommentar

    1. Freitag, 1. März 2013

      Hallo Frau Schützdeller,

      mich hatte kürzlich die Neugier gepackt, nachzusehen, was Sie Neues über Ihre alte Partei zu sagen haben… und habe mich dann sehr gefreut, hier über unseren gemeinsamen Abend zu lesen.

      Mich hat er ebenfalls noch länger beschäftigt und tut es ab und zu immer noch. Ich finde auch, dass sich durchaus eine Wiederholung lohnen würde. Es war in meinen Augen bemerkenswert, dass wir uns – ohne uns vorher zu kennen – über die vielen Stunden hinweg nicht ins Plaudern gekommen sind, sondern uns dem – meines Erachtens allerdings etwas vagen – Themenkomplex gewidmet haben. Ich bin überzeugt, dass die heterogene Mischung an Perspektiven in der Runde das Potenzial hat, Neues hervorzubringen. So viel nur kurz dazu.

      Zu Ihrem Thema: ich beschäftige mich seit meiner Lebensumstellung ebenfalls stark mit dem Thema „strategischer Konsum“ und habe mittlerweile die Gewissheit gewonnen, mit meinen Kaufentscheidungen wirklich Einfluss nehmen zu können.

      Zum Beispiel habe ich mich für den Verzicht auf tierische Lebensmittel entschieden, da ich das Elend unserer Tierhaltung nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, nachdem ich mir diverse Dokumentationen und Bücher zu dem Thema zu Gemüte geführt habe. Laut Statistik habe ich in dem kurzen Zeitraum von vier Monaten bereits 12 Landtieren das Leben gerettet.

      Baustein für Baustein hinterfrage ich mittlerweile alles, was ich tue. Sie sprechen zum Beispiel das Thema Banken an. Demnächst werde ich zur GLS-Bank wechseln, die nicht nur ihre Anlagen auf ökologische und soziale Verträglichkeit hin überprüfen, sondern auch aktiv soziale Projekte finanziell unterstützt.

      Ein tolles Forum für Hintergründe und Überlegungen, Diskussionen und Recherchen zu derlei Entscheidungen ist die Website utopia.de – und ein interessantes Helferlein dazu ist die Suchmaschine wegreen.de . Beide sind aus der Überzeugung entstanden, dass wir als Konsumenten die Macht haben. In einigen Bereichen haben wir das ja auch bereits bewiesen. So kommen zum Beispiel seit der Kennzeichnung der Haltung von Legehennen bei Frisch-Eiern nur noch 30% der Eier in Deutschland aus Käfighaltung. Ich bin überzeugt, dass diese Zahl noch weiter sinken würde, wenn auch auf verarbeiteten Produkten die Herkunft der Eier genannt werden würde.

      Insofern ist auch meine politische Forderung: Transparenz. Der Pferdefleisch-Skandal ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin überzeugt, dass wir einigen Fehlentwicklungen, die Sie auch als Beispiele nennen, allein dadurch entgegenwirken könnten, dass der Käufer wüsste, was er kauft, sprich: woher etwas kommt und wie es produziert wurde.

      Mit schönen Grüßen aus dem Sauerland
      Alexander Klar

  • Kommentieren

    Lassen Sie mich wissen was Sie denken.

  • Name(required):

    Email(required):

    Website:

    Text: