• Marketing-Hype ist nicht gleich: Gutes Buch!

    Tach zusammen.

    Ich mache das ja normalerweise nicht. Ich meine, ich schreibe meine Blogeinträge selber. Aber dieser hier spricht mir so dergestalt aus der Seele, dass ich von meiner normalen Vorgehensweise abrücke und den Blogeintrag von Fionna Kessler einfach übernehme. Viel Spaß beim Lesen und Nachdenken!

    In diesem Sinne

    Ihre Jutta Schützdeller

    50 Shades of Grey oder: Was machen wir eigentlich noch hier?

    Es hilft ja nichts. Ich stolpere immer wieder über diesen Titel, ich verfange mich in heftigen Diskussionen mit Freunden und Mitstudenten über dieses Buch. Jetzt muss ich meine Meinung ein für alle Mal aufschreiben, um das Thema für mich abzuschließen. Hoffentlich. Vielleicht. Endlich.

    Gleich zu Beginn sage ich: Ich habe dieses Buch nicht gelesen. Zumindest nicht als Ganzes. Ich las Rezensionen, kenne viele, viele Auschnitte und quälte mich durch diverse Leseproben. Ich werde dieses Buch auch niemals ganz lesen, nicht mal geschenkt. Ich werde keinen Cent dafür ausgeben. Versprochen. Und dennoch maße ich mir hier einfach an, mir ein umfassendes Urteil über dieses “literarische Werk” gebildet zu haben und meine Meinung kund geben zu können. Ja. Ich mache das einfach.

    Fangen wir vielleicht von vorne an.  Fifty Shades of Grey ist ein Erotikroman und Teil Eins einer Trilogie. Grob gesagt geht es um die Hochschulabsolventin Anastasia Steel, die auf den Multimillionär Christian Grey trifft. Anastasia, ihres Zeichens Jungfrau, die noch nie einen festen Freund hatte, verfällt dem smarten und gutausehenden Grey, und da der total auf Sex steht und es als seine Pflicht ansieht, sie aufs spätere (sexuelle) Leben vorzubereiten, gehen die beiden einen Vertrag miteinander ein, in dem Anastasia sich als Greys BDSM-Untertanin verpflichtet. Der Rest ist explizite Beschreibung von sexuellen Praktiken, gut angefüllt mit dem angeblich Besten aus Bondage, SM und Sadismus.

    Angeblich.

    Geschrieben wurde das Ganze von der 48-jährigen britischen Hausfrau Erika Leonard, oder auch E.L. James, oder auch Snowqueens Icedragon. Nanu? Nein, letzteres ist nicht das Ergebnis überkreativer Eltern, es ist ihr Onlinename, unter dem sie die erste Version des Romanes im Internet veröffentlichte. Und nun haltet euch irgendwo fest, bitte. Besagte erste Version war eine Twilight Fanfiction. Ja, wirklich.

    Fanfictions sind Texte von Fans für Fans, in denen sie sich bei Charakteren und Setting eines Originals bedienen und ihre eigenen Geschichten mit ihnen erfinden. Eine Chance für jeden Fan, die Geschichten, die sie lieben, bis ins unendliche weiter zu führen, selbst kreativ zu werden. Eigentlich eine der schönsten Liebeserklärungen an das Originalwerk, sei es ein Buch, ein Film oder eine Serie. Die Verfasser verdienen damit natürlich kein Geld, und viele schreiben, obwohl sie es nicht besonders gut können, aber das macht ja nichts, es geschieht ja nur zum Spaß und weil man das Original eben mag. Und nicht selten findet man unter den Fanfictions sogar richtige Meisterwerke, die ich durchaus als hochwertige Literatur bezeichnen würde.

    Fifty Shades of Grey ist das nicht. Dafür muss man nicht einmal das Buch gelesen zu haben. Ehrlich.

    Wir erinnern uns. Es ist ein Erotikroman, entstanden aus einer Fanfiction des wohl sexlosesten Buches, das jemals verfasst wurde: Twilight. Über die literarische Wertigkeit vom sogegannten “Vampirroman” will ich mich gar nicht auslassen, aber gegen Fifty Shades of Grey ist Twilight Hochliteratur.

    Vielerorts wird Fifty Shades of Grey gelobt, weil es dem verklemmten Leser entgegentreten und Themen wie Sex und BDSM endlich in den Fokus rücken würde, wo die prüde Menschheit ihnen nicht entkommen könnte. Es wird so gefeiert, als sei es das erste Buch mit Sexszene. Dass es natürlich ein riesiges Angebot an Erotikromanen gibt,  und darunter tatsächlich eine Fülle an literarisch wertvollen, wird spontan vergessen, und man tut so, als erreiche man gerade das Zeitalter der sexuellen Aufklärung. Bücher, jetzt auch MIT Sex!

    Das Traurige ist: Das Buch ist ein Witz was Erotik angeht. Menschen, die es gelesen haben, sagen scherzhaft: “I tried to masturbate to Fifty Shades of Grey. It didn’t work.” Was wir hier haben, sind die erotischen Fantasien einer vermutlich sexuell frustrierten Endvierzigerin, die Twilight total toll fand, aber halt ein wenig sexlos. Den Begriff BDSM hat sie sicher schon mal irgendwo aufgeschnappt und fand, dass es spannend klang, vielleicht hat sie den Wikipediaartikel dazu gelesen. Aber über das, was sie in ihrem Roman als BDSM-Spielchen bezeichnet, können wahre Anhänger dieser Praktiken vermutlich nur lachen. Oder weinen.

    Ansonsten strotzt das Buch vor Nichtnennung erogener Zonen und jeglichen Geschlechtsteilen. Natürlich ist das ganze aus der Sicht einer verklemmten Jungfrau geschrieben, aber ich bitte Euch, wenn man behauptet, einen Erotikroman zu schreiben, dann ist es mit “He is going to touch me there…” einfach nicht getan. Und auch sonst hat man den Eindruck, man habe es mit einem Drittklässler zu tun, der das erste Mal im Sexualkundunterricht sitzt und hochrot anläuft, wenn der Lehrer Bilder der Geschlechtsorgane auspackt, und der mit seinen Freunden doofe kichert, jedes Mal wenn das Wort Penis fällt. Also bitte. Wir sind doch alle erwachsen!

    Auch sprachlich ist das Buch ein einziger Stimmungskiller. Kein Wunder, dass niemand das besonders erregend fand, wenn man Sätze liest wie:

    “He’s my very own Christian Grey flavor Popsicle.”

    “This is wrong, but holy hell is it erotic.”

    “I thought it was chocolate hot fudge brownie sex that we had, with a cherry on top. But hey, what do I know?”

    “I found some baby oil. Let me rub it on your behind.”

    “I close my eyes, feeling the build up… pushing me higher, higher to the castle in the air.”

    “Does this mean you’re going to make love to me tonight, Christian?” Holy shit. Did I just say that?

    Wir haben also ein schlecht geschriebenes Buch, das alles, aber nicht erotisch ist, in dem “to make love” schon der Gipfel des Dirty Talks ist, und die nervtötende Protagonistin ein Jahresabo für Phrasen und Ausdrücke wie “Holy Shit” und “Holy Crap” besitzt. Wir haben auch eine völlig unrealistische Möchtegern-BDSM-Beziehung, und Christian Grey, der natürlich eine dramatische Vergangenheit hat und nur deshalb auf so total dollen Sex ohne Liebe steht.

    Eventuell sollte ich noch Folgendes erwähnen: Es gibt einige Feministinnen, die das Buch als die sexuellen Befreiung der Frau feiern. Entschuldigung? Was wir hier haben, ist ein verklemmter Roman, in dem Anastasia Steel eine seltsame Borderline-Beziehung mit Christian Grey führt. Auf der einen Seite findet sie ihn total toll, und im nächsten Moment ist er creepy like hell und steht plötzlich bei ihr im Schlafzimmer, wenn sie sich von ihm trennen will (und das fand ich schon bei Twilight eher grenzwertig als romantisch). Und ja, wenn Anastasia ihn mal nicht will, dann tippt Grey auf den BDSM-Vertrag und nimmt sich einfach, was ihm zusteht. Aber nachher ist die Vergewaltigung dann doch nicht so schlimm, immerhin hatte sie ja mehrere Orgasmen, da ist das schon ok…

    Kommen wir zu dem eigentlich schlimmsten Teil dieser Geschichte: Das Buch verkauft sich wie bescheuert. Wir reden hier von Millionenauflagen und ersten Plätzen auf Bestsellerlisten, weltweit. Wir reden davon, dass es sich schneller verkauft als die Harry Potter Bände. Und wir reden davon, dass es verfilmt wird, dass Angelina Jolie sich als Regisseurin anbietet und dass American Psycho Autor Bret Easton Ellis gerne das Drehbuch schreiben würde.

    Ja, ich weiß…

    Und hier kommen wir zu mir, so als Mensch und Autorin. Ich fühle mich nämlich gerade nicht nur ein bisschen persönlich angegriffen und verarscht. Mehr noch. Ich empfinde dieses Buch als Schlag mitten in mein Gesicht. So richtig mit Faust und abgebrochenen Zähnen und Blut spucken. Oder ein Tritt in die Magengrube, schön anständig mit keine Luft kriegen und sich zusammen krümmen und auf dem Boden rollen und wimmern.

    Ich bin Autorin. Ich versuche, sowas wie Literatur zu machen, und ich gebe mir alle Mühe, wirklich. Und ich habe den leicht utopisch-naiven Traum, dass der Tag kommt, an dem mein Schreiben mir immerhin das Frühstück finanziert. Ja, ich glaube das wirklich!

    Und dann passiert sowas. Ein unverschämt schlecht geschriebenes Buch, das noch nicht mal innovativ ist, das Erotik nur im Untertitel stehen hat, und vor allen Dingen so tut, als sei es Literatur. Und das sich zu allem Überfluss auch noch verkauft wie doof. Und das ist wirklich kein Neid, ehrlich. Das ist Trauer.

    Wir Schreiberlinge reden seit Wochen immer wieder darüber, unsere Stimmung irgendwo zwischen wütend und traurig, zwischen Hass und Resignation. Was machen wir eigentlich noch hier? Wieso lernen wir an einer Universität Kreatives Schreiben, wenn die Leute lieber Schund lesen? Wieso versuchen wir, an unserem Stil zu feilen und voneinander zu lernen, wenn man Romane jetzt auch ohne Anspruch schreiben kann? Bücher, jetzt auch OHNE Niveau.

    Versteht mich nicht falsch. Ich habe überhaupt gar nichts gegen Erotikromane. Es soll Leute geben, die den Kritikern von Fifty Shades of Grey vorwerfen, sie seien nur nicht aufgeschlossen genug und hätten selbst noch nie erotische Literatur gelesen. Dear Madames and Sirs. Really? Natürlich habe ich schon erotische Literatur gelesen, es gibt das Internet! Und dort existert auch wirklich gute Erorikliteratur. Es gibt erotische Fanfictions, bei denen ich mich digital vor den Autoren verbeuge, da würde ich jederzeit einen Roman kaufen, auch wenn natürlich sämtliche Urheberrechtsgedanken dagegen sprächen. Aber das sind Schreiber wie ich. Sie schreiben neben ihren normalen Texten auch mal Fanfictions, weil es sie nicht besonders beansprucht, weil es den Schreibleerlauf verhindert und weil man dort Dinge ausprobieren kann, ohne sich vorher Charaktere und Settings aus den Fingern saugen zu müssen.

    Also, nichts gegen Erotik, denn Erotik ist nicht gleich Schund. Ich habe aber auf jeden Fall etwas gegen schlechte Literatur, und ich traue mich schon gar nicht wirklich, Fifty Shades of Grey als das zu bezeichnen. Ich habe etwas dagegen, dass die Welt soetwas wirklich wahrhaftig auf Bestsellerlisten hochkauft. Dass es Menschen gibt, die sagen, es sei ein großartiges Buch. Denn jedes Mal, wenn das jemand sagt, stirbt irgendwo auf der Welt eine Schreiberseele!

    Nun erhole ich mich erst einmal von dem Beinahe-KO und wappne mich für die nächste Runde, wenn dann Filmausschnitte durchs Internet wabern. Ich möchte ja schon fast rufen: “Bitte, schlag mich nicht nochmal.” Gibt es ein Safeword für Fifty Shades of Grey?

    An diesem Punkt meines Trauerberichts bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als mit einem letzten Zitat aus Fifty Shades of Grey zu enden. Ich entschuldige mich dafür in aller Form.

    “Laters, baby.”

    Photo: Fionna Kessler

    Blog: http://schriftverkehrt.wordpress.com/2012/07/06/prolog-eine-vorstellung-4/





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Montag, 30. Juli 2012 um 14:28 in der Kategorie LARP. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
  • 2 Kommentare

    1. Marco
      Dienstag, 31. Juli 2012

      Hier ein Geheimtipp für alle, die Shades of Grey hassen – eine wahnsinnsgute Parodie darauf:

      F. M. Wuzynski: “Sixty Shades of Blood. Erotik-Satire oder so”

      Das gibts anscheinend nur bei Amazon. Ich hab mich gekringelt wie lange nicht mehr.

    2. Anna
      Dienstag, 7. August 2012

      Wirklich toller Artikel, der genau meiner Meinung entspricht. Als ich mein Praktikum bei http://www.website-zum-buch.de
      war auch eine der ersten Sachen, die mir erklärt wurden, dass ein erfolgreiches Buch nicht unbedingt durch guten Inhalt oder besondere literarische Fähigkeiten zu seinen Verkaufszahlen kommt.

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