• Mir bricht das Herz…

    Ich wollte ja eigentlich nichts mehr dazu sagen… aber wie ich nun mal so bin, einerseits Rheinländerin, die ihren Mund eh nur 14 Sekunden halten kann, ohne zu ersticken und andererseits als jemand, der sich selber als liberal bezeichnet und dereinst laut und stolz sagte, sie sei Mitglied der FDP, bricht es mir so langsam aber sicher das Herz zusehen zu müssen, was eine Truppe vollkommen selbstverliebter und machthungriger Zeitgenossen aus dem Zusammenschluss freier Geister gemacht haben.

    “Mit den großen Pinkeln gehen”, so nennt man das, was die FDP nach dem guten Wahlergebnis machen wollte und was alle von ihnen erwartet hatten. Strotzend vor Selbstbewusstsein stolzierte man in die Koalitionsverhandlungen mit nichts als einer groben Idee, wo man sich selber in der neuen Regierung gerne sehen würde. Und natürlich den Vorsitzenden als Vizekanzler und Außenminister. Sicher. An diesem Anspruch zu zweifeln wäre sicherlich einem politischen Selbstmord gleichgekommen, also bestand die einzig greifbare Forderung aus dem Auswärtigen Amt. Alles andere hatte sich nicht nur dem unterzuordnen, sondern alles andere gab es schlicht nicht.

    Es bedarf keiner Erfahung mit Bundespolitikern in Berlin, Kommunalpolitikerfahrung hätte schon ausgereicht um zu wissen, dass nach einer Wahl alles ganz anders aussieht und die Verhandlungen mit einem “Partner” immer nur so weit harmonisch sind, wie der “Partner” seine eigenen Interessen nicht gefährdet sieht. Scheinbar verkannte man diese Situation gründlich und nahm die zur Schau getragene Zuneigung persönlich. Ein fataler Fehler wie sich herausstellte und für mich ein neues Indiz dafür, wie weit die Kluft zur Realtität bereits geöffnet war.

    Also paukte man sich durch die Verhandlungen, lies sich vom Koalitionspartner ordentlich über den Tisch ziehen und deklarierte die dabei entstandene Reibungswärme in Pressekonferenzen als Nestwärme. Zu glauben, bei Frau Merkel und ihrem Team sei so etwas wie “Mütterlichkeit” und “Wärme” zu erwarten, zeigte mir ebenfalls, dass da bei “unseren” Leuten ganz gehörig was ins Rutschen geraten war.

    Und dann dilletierte man fröhlich vor sich hin. Hinter den Kulissen der Fraktion tobt seit dem ersten Tag ein gnadenloser Kampf, bei dem es um nicht weniger, aber nahezu ausschließlich um das eigene Ansehen, die eigene Machtposition, das eigene Auskommen und das eigene politische Überleben geht. Wer in der Fraktion nach so etwas wie Teamfähigkeit und Teamgeist sucht, der kann sich schon mal mit Proviant ausrüsten, denn er wird lange suchen müssen, wenn er denn überhaupt so etwas findet. Nein, vielmehr ging es vom ersten Tag darum, wie sich Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg als größte Landesverbände den Kuchen untereinander aufteilen, Homburger schnappte und biß in die Hand von Westerwelle und rangelte um jeden Krümel, der scheinbar herrenlos auf dem Tisch lag. Jede Bewegung, jeder Satz wurde und wird analysiert und daraufhin geprüft, ob hier ein eventueller Machtanspruch durchscheint. Dass über diese intensive Beschäftigung mit sich selber und dem eigenen gruppendynamischen Experiment die politische Arbeit vollkommen zu kurz kommt, ist nicht verwunderlich. Die mangelnde Zeit, sich miteinander über Politisches auseinanderzusetzen machte man denn dann dadurch wett, dass NRW und BaWü einfach Entscheidungen trafen, die der Rest der Fraktion gegebenfalls aus der Presse erfuhr. An die Stelle der politischen Arbeit war endgültig und ausschließlich der Kampf um die eigene Position gerückt. Der feine Faden zur Realtiät war zerrissen.

    Natürlich kann ein Politiker nach wie vor seine Termine vor Ort machen. Er kann lächeln, kluge Dinge von sich geben, nichtssagende Komplimente für die Arbeit vor Ort von sich geben und dem Einzelnen das Gefühl geben, genau seine Arbeit sei von imanenter Bedeutung. Das machen die Damen und Herren im Schlaf, wie unsereins halbschlafend vor der Glotze sitzt und ein Drittel der Tagesschau mitbekommt, unterschwellig wachsam, ob eine Meldung mehr Aufmerksamkeit verdient. Auch der Bundespolitiker hat diese Sorte Aufmerksamkeit, mit der er ständig sein Umfeld im Radar hat, ob sich dort ein Kopf aus dem Nichts erhebt, der möglicherweise zur Gefahr für die eigene Postion werden könnte.

    Das Feudalsystem aus König Westerwelle und Gräfin Homburger bekam Risse. Einerseits, weil sich vor dem Hintergrund der maßlosen Unaufmerksamkeit der politische Partner ausdehnte wie ein Edelgas und zum Zweiten, weil am Hofe eifrige Jungpolitiker heranwuchsen, die gerne den König beerbt hätten. Machgerangel also, wieder mal. Inmitten all dieser Schlachten, die stets hinter verschlossenen Türen erst richtig in Fahrt kamen und die allenfalls durch geschickt platzierte Beiträge in großen Tageszeitungen tröpfchenweise an die Öffentlichkeit gelangten, kämpfte auch noch ein Wirtschaftsminister um sein politisches Überleben. Er, nicht aus einem der großen Landesverbände, aber mit der längsten Erfahrung, wehrte sich gegen das Rudel Wölfe, das seinen Job zur Verhandlungsmasse gemacht hatte.

    Bei all den Turbulenzen saß die Basis zu Hause und wunderte sich. Irgendwann wunderte uns nichts mehr, wir wurden wütend und als die Wahlen in unserem eigene Bundesland “drohten” erhofften wir uns ein Zeichen, nicht nur eine Art “Waffenruhe” aus Berlin, sondern auch ein Zeichen der rheinland-pfälzischen FDP, mit einer neuen Mannschaft in eine schwere Legislatur zu gehen. Erneuerer waren ausreichend vorhanden.

    Und dann zeigte sich, dass die Liberalen von ihrer eigenen Angst dirigiert werden und die miserable Leistung der Damen und Herren in Berlin vor Ort zu einer Art “früher war alles besser-Wunsch” geworden war. Nicht mit neuen, frischen Ideen und Köpfen wollte man sich dem Wähler präsentieren, nein, geschüttelt von Angst und Verunsicherung paukten auch hier die Machthabenden ihre Ansprüche auf ihre Positionen durch, installierten das alte Team… und versagten.

    Nun lag und liegt alles in Trümmern. Mittlerweile ist die Fraktion so uneins, dass die Machtkämpfe, die früher weitestgehend hinter verschlossenen Türen stattfanden, in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden, zum Gegenstand öffentlicher Belustigung werden. Alternde Landespolitiker tönen aus dem Westerwald mit Rufen nach einem Rücktritt Westerwelles, auf den sich die Hass und der Unmut derjenigen konzentriert, die ihrer eigenen Bedeutung verlustig gegangen sind und die nach wie vor nicht verstanden haben, dass sie selber Teil des Problems sind. Rheinland-Pfalz bekam einen neuen Landesvorsitzenden aus Berlin gestellt, der in alter Manier weiterregiert und versucht, mit rigorosem Direktivismus Ruhe in einen Verein zu bringen, in dem sich nach wie vor freie Geister regen, um aus dem letzten bißchen Hoffnung so etwas wie einen Plan für die Zukunft zu machen. Da so etwas aber unkontrollierbar ist, wird es im Keim erstickt. Landesfachausschüsse werden in ihrer Arbeit beschnitten und die letzten Fetzchen der Macht, so es sie überhaupt noch gibt, in “bewährten Händen” konzentriert. Ein paar Köpfe sind hinzugekommen, an denen man jetzt ausprobiert, was man vom politischen Partner gelernt hat: Über den Tisch ziehen und die Reibungswärme als Nestwärme deklarieren.

    So siehts aus, und mein Herz ist schwer angesichts dieser Situation, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Die FDP ist bis in die Basis erstarrt, getrieben von Angst und Sorge, ihre einstigen Tugenden vergessend. Das Korsett ist geschnürt und kann jederzeit bei Lockerung wieder festgezurrt werden. Ein Ausweg? Ich sehe keinen mehr… doch, der Wähler muss es richten, und Richten tut er, deutlich. Danke dafür.

    Und hier? Vor Ort? Was tue ich?

    Ich bin nach wie vor liberal. Ich nutze meinen gesunden Menschenverstand. Keine “höheren politischen Weihen” bitte. Niemals. Ich will für Sie da daraußen da sein. Und das kann ich am Besten, wenn ich das bleibe, was ich bin.

    in diesem Sinne

    Ihre Jutta Schützdeller





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Mittwoch, 31. August 2011 um 07:35 in der Kategorie LARP. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
  • 1 Kommentar

    1. Yvonne Romes
      Mittwoch, 31. August 2011

      Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke, Jutta!

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