• Tag zusammen…

    Wenn mir mal die Worte fehlen, dann ist das schon ein außergewöhnlicher Umstand. Angesichts dessen, was sich gerade in Japan abspielt, kann ich nur das machen, was so viele andere auch tun, ich sitze vor dem Fernseher und denke mir: “Gleich kommt der Abspann und man sagt mir, dass es sich um das neueste Werk von Roland Emmerich handelt, das kann, das darf einfach nicht wahr sein!”

    … und dann kommt da nichts, außer die betroffenen Gesichter irgendwelcher Experten, die wieder wie Kai aus der Kiste hüpfen und dem geneigten Zuschauer erklären, was denn bitte eine Kernschmelze ist und das Jod eine feine Sache ist, wenn man Strahlenschäden verhindern will.

    Das, was die Japaner gerade durchmachen, ist nicht vorstellbar, nicht mit einem Krieg zu vergleichen, nicht mit irgendeiner Katastrophe, die sich zu unseren Lebzeiten irgendwo einmal abgespielt hätte und an die wir mit Schaudern zurückdenken. Was ich da sehe, ist der Untergang einer jahrtausende alten Kultur und das geschieht mit einer Würde, die mich sprachlos macht. Stoisch ertragen die Japaner die unglaubliche Angst, die sie unzweifelhaft in jeder Sekunde des Tages begleiten muss wie ein Alptraum und versuchen in all dem Leid und der Verzweiflung ihre Würde zu bewahren, ihr Gesicht nicht zu verlieren und irgendwie weiterzumachen. Auch wenn es ihnen nichts hilft, ich denke, der Respekt vor diesen Menschen ist um ein Tausendfaches gestiegen in der Welt, seit das Erdbeben kam…

    Ein wenig anders sieht das hierzulande aus. Es hat nicht lange gedauert, da wurde das Thema Atomkraft als probates Wahlkampfthema aus der Schublade gerissen und genutzt, um in den letzten Tagen des Wahlkampfes noch mal so richtig Gas zu geben…  Und das natürlich alles, ohne den Japanern etwas zu wollen oder von ihrer Not abzulenken.

    Ich mag dazu fast gar nichts sagen, denn es schüttelt mich bei dem Gedanken, dass wir Menschen in Berlin und anderswo sitzen haben, die dergestalt abgebrüht und kalt sind, dass sie so etwas tun können.

    Sicher muss und sollte man angesichts dessen, was gerade mit den Atomkraftwerken in Japan geschieht, auch die eigene Energiepolitik erneut auf den Prüfstand stellen. Sicher ist eine solche Katastrophe ein Anlass, um sich nochmals mit viel größerem Ehrgeiz an die Förderung und Entwicklung neuer Technologien zu machen, die uns einen Ausstieg aus der Atomkraft so schnell wie möglich realisierbar werden lässt. Sicher ist es auch der richtige Zeitpunkt, um all diejenigen, die ihre Zustimmung zu Atomkraft gegeben haben darauf zu stoßen, was passiert, wenn’s passiert, ein Szenario, das so vielleicht dem Einen oder Anderen nicht klar ist oder war.

    Das zum jetzigen Zeitpunkt zu tun und daraus eine bundesweite Protestaktion zu machen, halte ich jedoch für zynisch. Wenn eintritt, was jetzt bereits abzusehen ist, dann wird das Mahnmal Fukushima noch lange da sein, um Generationen von Atomkraftbefürwortern die Argumente im Handumdrehen wegzuwischen.

    Wo ist unsere Menschlichkeit in dieser Debatte? Wo ist die Überlegung, wie wir diesen 127 Millionen Menschen helfen können? Das hier ist keine Sahel-Zone, wo im Vergleich zu Japan noch eine überschaubare Anzahl Menschen in Not gerieten, das hier ist ein ganzes Volk, eine komplexe Kultur, ein Staat, eine Wirtschaftsmacht und sie verliert gerade ihre Existenzgrundlage: Ihr Territorium.

    Denn sind wir doch mal ehrlich, wenn sich das fortsetzt, was sich derzeit andeutet, dann muss man sich fragen, ob das Land überhaupt noch bewohn- und bebaubar ist. Wer kauft noch Produkte aus einem Land, von dem man annimmt, das alles verstrahlt ist, was von dort kommt?
    Bereits heute wird berichtet, dass es Engpässe in Deutschland bei Jodtabletten gibt und Österreich meldet den Ausverkauf von Geigerzählern. Eine dergestalte Hysterie wird wie ein schleichendes Gift durch ganz Europa ziehen und selbst wenn es in Japan nicht zum Äußersten kommt, werden die Paniker und Hysteriker ihnen den Rest geben.

    An dieser Stelle kann ich nur darum bitten, bei all der berechtigten Diskussion um Energieformen und einem möglichen Atomausstieg, bei aller Angst vor dem diffusen und schwer zu fassenden Feind Radioaktivität nicht diejenigen aus den Augen zu verlieren, die gerade das Schlimmste durchmachen müssen, das man sich vorstellen kann.

    Helfen wir zunächst den Japanern. Helfen wir ihnen, in dem wir spenden, helfen wir ihnen, in dem wir ihnen unser Know-How zur Verfügung stellen. Helfen wir ihnen, in dem wir für sie beten, egal zu welcher Instanz, zu welchem Gott auch immer. Helfen wir ihnen, in dem wir uns Gedanken machen darüber, wie es für die Japaner weitergehen kann und wo.

    Und dann, wenn wir das alles getan haben, all unsere Energie aufgebracht haben, um diese Katastrophe als Menschheit, nicht als Nation zu bewältigen, dann reden wir gerne und lange und ernsthaft über die Frage, was wir mit unserer Energiegewinnung machen.

    In diesem Sinne

    Ihre Jutta Schützdeller

    image: BirgitH by pixelio





    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am Dienstag, 15. März 2011 um 17:59 in der Kategorie LARP. Kommentare zu diesem Beitrag können Sie lesen über den RSS 2.0 feed. Sie können hier kommentieren, oder einen trackback von Ihrer Website setzen.
  • 5 Kommentare

    1. Beat
      Dienstag, 15. März 2011

      Vielen dank für ihren beitrag frau schützdeller
      Ich fühle mich sehr verbunden mit der japanischen Kultur und volk. ich werde wenn es nötig ist zwei japaner bei mir zu hause aufnehmen, das wäre uns möglich und iegt im rahmen unserer mittel.Ich hoffe sehr das die behörden die lage irgenwie in den griff bekommen, ansonsten fehlen mir die worte, ich bin aufgewühlt und traurig.
      mit freundlichen grüssen beat frischknecht

    2. jürgen müller
      Mittwoch, 16. März 2011

      Wenn es Sie schüttelt, was da in Berlin abgeht, dann rate ich Ihnen, einmal die Beschlüsse zur Atomkraft Ihrer eigenen Partei zu lesen, da kann man nähmlich das Grauen kriegen. Das Horrorszenario, dass gerade in japan stattfindet, wurde von zahlreichen Verbänden und Parteien bereits seit Jahrzehnten prognostiziert, doch die Regierung hat dem die klalte Schulter gezeigt, Laufzeiten verlängert und sich einen Dreck um die gefährdete Bevölkerung geschert. Selbstverständlich verdienen die betroffenen Japaner unser Mitgefühl, aber die Energiemafia Japans verdient dieses Mitgefühl nicht, genauso wenig wie die Energiekonzerne in aller Welt und vor allem in Deutschland. Vielleicht sollten Sie erst einmal darüber nachdenken, warum geldgeile Großkonzerne Anlagen betreiben dürfen, die ein solches Gefährdungpotential in sich bergen, bevor Sie hier die Reaktionen der Atomkraftgegner als deplaziert beschreiben.

    3. Donnerstag, 17. März 2011

      Au contraire, Herr Müller,

      in Ihrer nachvollziehbaren Wut haben Sie offenbar vollkommen überlesen, was ich geschrieben habe. Es geht in meinem Blog nicht darum, die Diskussion über die Engergiepolitik NICHT zu führen, ich plädiere lediglich, die Katastrophe, noch während sie geschieht und wir uns eigentlich um die Menschen sorgen müssten, die sie gerade erleiden, nicht als Wahlkampfmittel zu mißbrauchen. Der schlechte Beigeschmack, den eine Diskussion über dieses Thema zur Zeit hat, verhindert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema und ist in meinen Augen zynisch angesichts des Leids, das viele tausend Menschen derzeit erfahren müssen. Mir ist durchaus bewusst, wie “meine” Partei zum Thema Atomkraft steht, das bedeutet aber nicht, dass ich genau so denken muss. Ich bin der Auffassung, dass nur der, der sich einbringt, auch etwas verändern kann.

    4. Helmut Martin
      Donnerstag, 17. März 2011

      Ich habe in meinem Leben noch nie durch irgendeine größere Spende anderen geholfen.Aber diese Situation in Japan lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen.Ich habe auch schon daran gedacht Menschen aus Japan für eine Zeit zu beherbergen.Aber da sind doch bestimmt einige Hürden zu erklimmen. Alleine schon dass ich kein Wort Japanisch spreche oder meine Familie mich in der Sache ewtl nicht unterstützt.Ferner will man ja wirklich den Bedürftigen hefen und die haben ewtl ja nicht mal das Geld für den Flug. Ich habe selber 2 Kinder und würde alles darum geben diese in ein entfernteres Land zu schicken bis die Lage sich wieder stabilisiert hat.Ohne vertrauenswürdige Ansprechpartner ist das natürlich sehr schwierig.Vielleicht gibt es jemand der genauso denkt wie ich und gehandelt hat und mir vielleicht die Möglichkeit gibt einmal in meinem Leben nicht nur vom helfen zu reden sondern auch zu handeln.

    5. jürgen müller
      Freitag, 18. März 2011

      Ich sehe das änhlich, Frau Schützdeller, nur wer sich einbringt, kann etwas verändern. Wann aber wäre der beste Zeitpunkt, um etwas zu verändern? Doch in dem Moment, in dem die wirklichen Probleme offensichtlich werden und jeder nachvollziehen kann, dass die Atomkraft unwägbare Risiken birgt. und nich dann, wenn wieder “Gras über die Sache gewachseni st”. Seit den frühen 80iger Jahren bemüht sich die Anti-Atomkraft-Bewegung, die Risiken der friedlichen Nutzung der Kernenergie als das darzustellen, was sie ist: ein Minusgeschäft für die Bürger, das größte vorstellbare Risiko für alle Menschen, eine potentielle Gesundheitsgefährdung für Anwohner und ein unlösbaren Endlagerungsproblem. Diese Punkte rücken jetzt, im Angesicht der leidenden Japaner und Japanerinnen ins Bewusstsein der menschen, die verfehlte Atompolitik der CDU/FDP Regierung zeigt ihre wahre Fratze: Lobbypolitik Hand in Hand mit den schlimmsten Geschäftemachern und Ausbeutern der heutigen Welt, den Energieproduzenten. Es ist keineswegs zynisch, jetzt das Thema aufzugreifen, um endlich neue Mehrheiten zu schaffen, in Gegenteil, es ist unbedingt notwendig, um auch ihr Klinentel vor den furchtbaren, zu erwartenden neuen Atomkatastrophen zu schützen.

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